marillentraum III-V

für meine schwiegermutter

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MARILL

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III

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folge dir, steige treppen über
tage hinweg in einen hohlwandigen
milchkeller.
suche dich und ahne eine zirkusreiterin
in ihrer luftmanege. um sich selbst
drapierte ameisengänge, fliegende
hülsen toter insekten.
lauter ungezähmtes. still.

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werfe dir worte zu,
die dich kennen könnten.
sie treffen nicht.
sie treffen mich.

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du bleibst verirrt in deinem finster
wald hinter hohlen wänden.
im finstersten teil wartest du
wie ein reptil.
entdeckst mich.
denkst mich aus. meinst ich drohe,
wenn ich winke. ich lächle, und
du meinst, ich lach dich aus.

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der goldene ring deiner mutter ist
verloren. alles ist verlegt. zeit.
heimat. wird sich finden.
im hühnerstall. die lange straße
der heißen sommer.

/
der treck.
nichts
ist an seinem platz geblieben.
in deiner manege hängen die dinge
an hohen trapezen zum fall. wir
halten sie nicht. die tiefflieger
schießen sie ab.

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allein
auf deiner fahrt in einem geisterzug.
alle stehen spalier, werfen worte
an dir vorbei und über dich hinweg.
du stellst fragen:
welchen hut soll man tragen,
aus welchem anlass ist heute.
warum ist nacht, wenn man
die augen schließt und mittag,
wenn ratlosigkeit sich setzt.

/
nein. denk entlang der brotkrumen,
ich werfe sie dir zu.
deine schwarzen vögeln
fressen sie, bevor sie fallen
sind sie fort.

/
schau.

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da geht es lang. werfe dir menschen zu,
wie brot in den fluss. weißt du noch
die soundso.
die soundso, die königin der schollen.
du fängst den satz. gewinnst boden,
denn du kennst den ort der wut,
die aufsteigt.
wut vermindert fliegkraft. ein zellgift,
das konzentriert.
dich bei mir hält.

/
schollentäuschung.
sie schmilzt fort wie permafrost.
für immer.
die soundso ist aus dem blick. untergang.
du bist nun über deinen dächern –
weißt du noch, paris. nein.
keine fragen nach schön.

/
vergossene milch fließt mir entgegen.
drei maß wehmut, omas ring ist golden
fort. der hühnerstall.
der hof.
der ring.
alles löscht sich in drei tropfen
nichts und läuft den gang
hinter den ameisen.

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IV.

sprachlos bin ich leerer worte.
in neue räume bist du einzogen,
bist kurz da und wieder fort.
wie auf durchreise folge ich.

doch wo du bist, kann ich nicht hin.
grund verloren sehen wir auf inseln
weniger augenblicke gleichklang
aneinander vorbei.

eine fadenlänge unter wasser
trifft sich unser blick –
doch versteh ich dich nicht,
wenn du durch wasser sprichst.

ein meer mit bojen,
kirschen in weißem brei.
du zeigst auf deine rote jacke und
benennst sie mir mit fremdem wort.

ich halte mich fest am rot,
suche einen faden,
zieh ihn raus ins nichts –
losgelassen, abgetrennt.

wie im strudel treiben wir
voneinander weg. ich locke
mit blumen auf dem tisch:
strahlendgelbes schön, sage ich.

kein wort zurück, kein blick.
ich rate dein gesicht und
sehe alles zwischen hohn
und wortloser traurigkeit.

dein blick schwimmt über wände
wie ein fisch auf grund,
dein augenmerk haftet flüchtig
und unvermittelt.

lächelst jung mit klarem blick
oder prüfst angestrengt und gnadenlos:
schattengeschichten alter welt
treffen leere jetzt und hier.

fadenlängen, weltenlängen
sind wir entfernt.
ich halte deine hand, denke
lieder ohne ton und sinn.

versuche mich zu verbinden,
dass fühlen fließen kann.
ich suche, probe und höre mich
in stummen tönen nebel singen.

legst den kopf ab
auf dein kissen, schläfst
und murmelst wie ein fluss.
keine ahnung welche bilder

um und durch dich schwimmen,
dich mitnehmen in welt
aus alten fragmenten
neuer kombination.

und bist du ein sprudelnder bach,
nehm ich nur spiegelnde stellen wahr,
seh mich darin und bin in diesem moment
fast so alleine wie du.

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feinefaden

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V.

abendbrot im wohnbereich: deckchen liegen auf den tischen, beige im decor mit runden ecken. keine sonderwünsche, keine kanten. versorgt, umsorgt – fühlst du dich wohl? ich hätte nicht gedacht, dass es so kommt, sagst du. dann kam es doch schlimmer oder früher. ist es nicht in jedem fall gnadenlos zu früh? nicht zu fassen, wenn man nach all der zeit mit sich in sein letztes restchen leben fällt.

du bist dir noch abhanden, als fehle dir ein kontext oder zauberwort. die freude wird weniger, sagst du und stehst auf brüchigem grund. du hälst dich an unseren namen fest wie am zaun vor einem abgrund.

du sitzt am tisch im speisesaal, ein bleiches meer der farben, beige, flieder, himmelblau. das rot darin bist du. die schneiden einem sogar die brote klein. erinerungen an alte zeiten sind im raum, butter auf marken, salat aus löwenzahn. auch andere sitzen mit im raum, der mann, der letztes jahr verstorben ist, der bruder, der nicht heimkam aus dem krieg.

betucht. betuchte leute. alle sind gleich am tisch. manche fleckern mehr, andere weniger. gewaschen wird hauseigen und sauber in den schrank gelegt. schau, in deiner jacke steht dein name. hoffentlich kommt nichts weg, sagst du.

kaffeezeit, ein neuer tag, nur welcher? ein heller tag im herbst.
wie geht es denn der mutter jetzt? sie ist schon lange tot, aber du bist hier bei uns. du kannst es gar nicht fassen – sie ist schon tot?
vielleicht ist zeit ein großer teich, mit trauerinseln, ungeheuern und kleinen schiffchen glück. es ist, als wäre alles hier. du erinnerst deine flucht: wagons, ein kleines zimmer, mit misstrauen tapeziert, denn euch wollte keiner. die sprechen alle über mich, sagst du, wann gehen wir, ich habe schon gepackt.

ein geschenk der sonnenstrahl. lass uns hier sein. du fragst: wohin mit dem gepäck, was hier am boden steht? das sind sonnenschatten im spiel, denn deine koffer sind im schrank. du bist im heim, die alte wohnung ist fast aufgelöst und ein zuhause muß erst wieder wachsen. hab geduld und fühl dich angekommen.
das wird schon, mach dir keine sorgen, sagst du augenblau, ich habe es immer geschafft.
du bist müde und zerbrechlich klein. die sonne spielt. was ist das auf dem boden, was hast du mitgebracht? sonnentanz auf dunkelblau. eine lichtwelle glück für mich, aber etwas anderes für dich. du gehst rückwärts, ich schau dir nach und geh nach vorne, mein blick bei dir. meine rettung sind detail und farbe. ich wandere mit dem licht, das durch gardinen weht.

du sagst, die streiten sich mit mir. hier ist kein krieg, kein sammellager. sie helfen dir oder holen dich: zum friseur, zur andacht, zum kaffee. es ist gut gemeint. du hast besuch und therapie. für alles ist gesorgt, was fehlt?
verwöhnter nichtsnutz, denkst du. das kennst du nicht, das bist du nicht gewohnt. das tun war dein zuhause. das tun in vielen wänden emsigkeit. dein zuhause: gewachsener kosmos deiner selbst, die sammlung vieler jahre sinn und sein. nun vier wände, acht mit bad. im neuen daheim haben wir deine lieblingsbilder dekoriert. habseligkeit, jetzt verstehe ich ihren sinn. alles muss wachsen, aber hast du zeit?

du sagst, die freude wird weniger. es ist dir ernst, wir suchen. vor dem fenster fällt ein gelbes blatt. wir schauen schattentanz im raum, dein kopf spielt streiche. was ich dort abgestellt habe, willst du wissen. die sonne, sag ich. du sagst, ich mache dir kaffee.

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