marillentraum I – V

für meine schwiegermutter

I.

kurzärmelig liegst du
streublumen auf weiß
blass in blass
als notfall im august

ein schriller ton
zeichnet not
keine koordinaten
wo du gerade bist

weißt du noch
streublumen
dein sonnenhut
über sandwegen
flirrt august und blau

rast auf kühlem stein
alte spuren suchend
triffst auf abschiede
in deinem dorf nun
fremder beiläufigkeit

in sommersand
auf langen wegen
geh ich dir nach
auf deinem kontinent
unter deinem himmel
rufe dich beim namen
suche dich als kind
vor notfallzeiten

marillentraum
schatten spitzer türme
iglawa feld und mohn

dort gehe ich
rufe zeitverloren
dich zu erden
dass du wiederkommst.

motte5

II.

liegst du da in wolle
leben rollt sich ein.
fällst durch luftmaschen
hinter wände wie aus filz.

wirst undurchlässig
für außen für
blumen lautes
hofgelächter.

und ja:
immer kommt
es in der luft
liegt unerwartet
und bricht herein.

frage:
führt es dich holt
es dich oder wirst
du einfach weniger –
ich denke zwiebelring
und nadelöhr
ich weiß nur kaffeefleck
und fühle leere zeit.

zu enges herz
für neue dimensionen
nicht zu begreifen
wohin und überhaupt:
du verläßt uns
es verläßt dich
wir sind verlassen –

warte bis du schläfst
geb dir einen kuss
und gehe heim
aus deinem kreis.

MARILL

III.

sprachlos bin ich leerer worte.
in neue räume bist du einzogen,
bist kurz da und wieder fort.
wie auf durchreise folge ich.

doch wo du bist, kann ich nicht hin.
grund verloren sehen wir auf inseln
weniger augenblicke gleichklang
aneinander vorbei.

eine fadenlänge unter wasser
trifft sich unser blick –
doch versteh ich dich nicht,
wenn du durch wasser sprichst.

ein meer mit bojen,
kirschen in weißem brei.
du zeigst auf deine rote jacke und
benennst sie mir mit fremdem wort.

ich halte mich fest am rot,
suche einen faden,
zieh ihn raus ins nichts –
losgelassen, abgetrennt.

wie im strudel treiben wir
voneinander weg. ich locke
mit blumen auf dem tisch:
strahlendgelbes schön, sage ich.

kein wort zurück, kein blick.
ich rate dein gesicht und
sehe alles zwischen hohn
und wortloser traurigkeit.

dein blick schwimmt über wände
wie ein fisch auf grund,
dein augenmerk haftet flüchtig
und unvermittelt.

lächelst jung mit klarem blick
oder prüfst angestrengt und gnadenlos:
schattengeschichten alter welt
treffen leere jetzt und hier.

fadenlängen, weltenlängen
sind wir entfernt.
ich halte deine hand, denke
lieder ohne ton und sinn.

versuche mich zu verbinden,
dass fühlen fließen kann.
ich suche, probe und höre mich
in stummen tönen nebel singen.

legst den kopf ab
auf dein kissen, schläfst
und murmelst wie ein fluss.
keine ahnung welche bilder

um und durch dich schwimmen,
dich mitnehmen in welt
aus alten fragmenten
neuer kombination.

und bist du ein sprudelnder bach,
nehm ich nur spiegelnde stellen wahr,
seh mich darin und bin in diesem moment
fast so alleine wie du.

feinefaden

IV.

abendbrot im wohnbereich: deckchen liegen auf den tischen, beige im decor mit runden ecken. keine sonderwünsche, keine kanten. versorgt, umsorgt – fühlst du dich wohl? ich hätte nicht gedacht, dass es so kommt, sagst du. dann kam es doch schlimmer oder früher. ist es nicht in jedem fall gnadenlos zu früh? nicht zu fassen, wenn man nach all der zeit mit sich in sein letztes restchen leben fällt.

du bist dir noch abhanden, als fehle dir ein kontext oder zauberwort. die freude wird weniger, sagst du und stehst auf brüchigem grund. du hälst dich an unseren namen fest wie am zaun vor einem abgrund.

du sitzt am tisch im speisesaal, ein bleiches meer der farben, beige, flieder, himmelblau. das rot darin bist du. die schneiden einem sogar die brote klein. erinerungen an alte zeiten sind im raum, butter auf marken, salat aus löwenzahn. auch andere sitzen mit im raum, der mann, der letztes jahr verstorben ist, der bruder, der nicht heimkam aus dem krieg.

betucht. betuchte leute. alle sind gleich am tisch. manche fleckern mehr, andere weniger. gewaschen wird hauseigen und sauber in den schrank gelegt. schau, in deiner jacke steht dein name. hoffentlich kommt nichts weg, sagst du.

kaffeezeit, ein neuer tag, nur welcher? ein heller tag im herbst.
wie geht es denn der mutter jetzt? sie ist schon lange tot, aber du bist hier bei uns. du kannst es gar nicht fassen – sie ist schon tot?
vielleicht ist zeit ein großer teich, mit trauerinseln, ungeheuern und kleinen schiffchen glück. es ist, als wäre alles hier. du erinnerst deine flucht: wagons, ein kleines zimmer, mit misstrauen tapeziert, denn euch wollte keiner. die sprechen alle über mich, sagst du, wann gehen wir, ich habe schon gepackt.

ein geschenk der sonnenstrahl. lass uns hier sein. du fragst: wohin mit dem gepäck, was hier am boden steht? das sind sonnenschatten im spiel, denn deine koffer sind im schrank. du bist im heim, die alte wohnung ist fast aufgelöst und ein zuhause muß erst wieder wachsen. hab geduld und fühl dich angekommen.
das wird schon, mach dir keine sorgen, sagst du augenblau, ich habe es immer geschafft.
du bist müde und zerbrechlich klein. die sonne spielt. was ist das auf dem boden, was hast du mitgebracht? sonnentanz auf dunkelblau. eine lichtwelle glück für mich, aber etwas anderes für dich. du gehst rückwärts, ich schau dir nach und geh nach vorne, mein blick bei dir. meine rettung sind detail und farbe. ich wandere mit dem licht, das durch gardinen weht.

du sagst, die streiten sich mit mir. hier ist kein krieg, kein sammellager. sie helfen dir oder holen dich: zum friseur, zur andacht, zum kaffee. es ist gut gemeint. du hast besuch und therapie. für alles ist gesorgt, was fehlt?
verwöhnter nichtsnutz, denkst du. das kennst du nicht, das bist du nicht gewohnt. das tun war dein zuhause. das tun in vielen wänden emsigkeit. dein zuhause: gewachsener kosmos deiner selbst, die sammlung vieler jahre sinn und sein. nun vier wände, acht mit bad. im neuen daheim haben wir deine lieblingsbilder dekoriert. habseligkeit, jetzt verstehe ich ihren sinn. alles muss wachsen, aber hast du zeit?

du sagst, die freude wird weniger. es ist dir ernst, wir suchen. vor dem fenster fällt ein gelbes blatt. wir schauen schattentanz im raum, dein kopf spielt streiche. was ich dort abgestellt habe, willst du wissen. die sonne, sag ich. du sagst, ich mache dir kaffee.

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V.

folge dir und steige die treppen zum keller hoch. ahne dich. bist um dich selbst gestellt umgeben wie von glas. eine manege das drum herum aus guten worten. werfe dir dinge zu die dich kennen und treffe nichts

nur mich – du bleibst verirrt in deinem waldstück hinter glas. im finsteren wartest du. entdeckst mich. denkst ich drohe wenn ich winke. ich lächle und du denkst ich lach dich aus.

der ring deiner mutter ist gold rotgolden ist verloren gegangen. alles ist verlegt in die zeit im schweinestall. damals. nichts ist an seinem platz geblieben alle plätze sind leer verrückte welt. willkommen im halbsein. in deiner manege stehen die dinge zu fallen bereit. wir halten sie nicht auf.

kein platz besetzt nur du allein auf deiner fahrt im leeren zug. alles steht spalier stellt fragen die du nicht verstehst. denn welchen hut soll man tragen zu welchem anlass ist heute und warum ist immer nacht wenn du deine augen schließt und immer mittag wenn du ratlos bist.

nein nein nein hier denk entlang der brotkrumen die werfe ich dir zu. doch sie sind weggeflogen bevor sie fallen sind sie fort. na schau. da geht es lang halt dich fest ich werf dir altes leben zu wie brot am fluss. weißt du noch die soundso. die soundso die königin der schollen. ja du weißt du gewinnst an boden du kennst den ort der wut die aufsteigt. wut vermindert fliegkraft. ein zellgift das konzentriert.

die scholle ist täuschung ist eis und schmilzt sich fort und soundso ist aus dem blick. du bist wie über deinen dächern – weißt du noch paris? nein nein nein keine fragen nach schön war das. vergossene milch fließt mir entgegen. drei maß wehmut omas ring ist fort gold rotgolden. der schweinestall und alles löscht sich. ein mosaik auf anfang.